23. Oktober 2026
Auslandsreporter Bastian Kaiser

Grenzüberschreitende Geschichten: Freier Journalismus aus dem Ausland

Ob in einem Gefängnis in Ecuador, auf einem See in Mexiko oder im bolivianischen Amazonas: Bastian Kaiser recherchiert als freier Auslandsreporter in Lateinamerika dort, wo andere selten hinkommen. Dabei erlebt er hautnah, was Menschen bewegt und wie schwierig es sein kann, solche Geschichten in deutschen Medien unterzubringen. Denn neben Neugier und Offenheit braucht es für diesen Beruf auch unternehmerisches Geschick und eine gehörige Portion Flexibilität.

Werksgelände: Was macht man eigentlich als freier Auslandsreporter?

Bastian Kaiser: Das kommt darauf an, wie man den Job ausgestaltet. Manche leben dauerhaft im Ausland und arbeiten für einen oder mehrere Hauptauftraggeber. Ich habe meine Base momentan in Deutschland und starte von hier aus immer wieder zu Recherchereisen. Am liebsten bin ich unterwegs: Szenen einfangen, mit Menschen vor Ort sprechen, ob in einem Gefängnis in Ecuador, auf einem See in Mexiko oder im bolivianischen Amazonas. Ehrlicherweise ist das aber nur ein kleiner Teil meiner Arbeit. Viel mehr Zeit fließt in Vorbereitung, Themensuche und Recherche, dazu kommen Buchhaltung und all die Dinge, die als Selbstständiger eben anfallen. Außerdem arbeite ich als Journalistentrainer und Coach und trete als Speaker oder Panelist auf. Das Schöne und vielleicht auch Beängstigende: Routine gibt es bei mir kaum.

Welche Erfahrungen oder Talente sollte man für den Job mitbringen?

Wichtig sind vor allem Neugier und Offenheit. Flexibilität und Frustrationstoleranz helfen, denn selten klappt alles nach Plan. Man sollte sich auch der eigenen Rolle bewusst sein: Woher komme ich, mit welchen Erwartungen gehe ich an die Arbeit? Wir alle haben Annahmen und Vorurteile. Entscheidend ist, sie zu erkennen, zu hinterfragen und Widersprüche auszuhalten. Es kann zum Beispiel gleichzeitig wahr sein, dass Bogotá eine große und sichtbare queere Szene hat und Kolumbien für queere Menschen eines der gefährlichsten Länder der Region ist. Beides gehört in meine Berichterstattung. Der Rest ist Handwerk: saubere Recherche, ein gutes Gespür für Themen und ein möglichst breites Skillset in Schreiben, Audio, Video und Social Media. Sprachkenntnisse helfen enorm, sonst bleibt man auf Distanz und ist stärker auf Dritte angewiesen. Beim Thema Auslandserfahrung würde ich schrittweise vorgehen: Niemand muss von heute auf morgen aus dem Ausland berichten. Auslandssemester, Austauschprogramme und Stipendien sind ein guter Einstieg.

Wir alle haben Annahmen und Vorurteile. Entscheidend ist, sie zu erkennen, zu hinterfragen und Widersprüche auszuhalten.

- Bastian Kaiser

Was reizt Dich an Deinem Beruf?

Mich reizt vor allem die Nähe und Unmittelbarkeit: direkt dort zu sein, wo die Dinge passieren, statt nur vom Schreibtisch aus zu berichten. Ich empfinde es als großes Privileg, dass mich Menschen in ihr Leben lassen. Viele meiner Gesprächspartner:innen haben Diskriminierung und Gewalt erlebt oder werden bedroht und haben allen Grund, der Außenwelt zu misstrauen. Trotzdem öffnen sie sich mir häufig, ohne mich zu kennen. Das ist keine Selbstverständlichkeit, gerade dort, wo zum Beispiel das organisierte Verbrechen Menschen terrorisiert und der Staat sie nicht schützen kann. Und der Beruf zwingt mich, meinen Horizont laufend zu erweitern und mich selbst zu hinterfragen.

Was sind die größten Herausforderungen in Deinem Job?

Die Abwechslung, die ich an dem Job so liebe, ist auch seine Kehrseite: Er ist schwer planbar. Aufträge hängen von der Verfügbarkeit meiner Protagonist:innen, vom Budget der Redaktionen und nicht zuletzt davon ab, was sonst noch so in der Welt passiert. Viele Geschichten erscheinen deutschen Medien „zu weit weg“. Das ist nachvollziehbar, denn die Konkurrenz an wichtigen Themen ist groß. Darum ist jede Auslandsrecherche auch eine Businessfrage: Wie mache ich sie wirtschaftlich, etwa indem ich die Geschichte für mehrere Medien aufbereite? Und worauf kann ich zählen, wenn eine Recherche mal im Sand verläuft? Dafür brauche ich ein zweites Standbein. Bei mir sind das aktuell vor allem Trainer- und Coachingjobs. Eine weitere Schwierigkeit sind Logistik und Sicherheit: Ich kümmere mich rechtzeitig ums Visum, plane die Wege sorgfältig und passe auf mich selbst auf, gerade in gefährlichen oder emotional fordernden Situationen. Weil ich als freier Journalist oft allein unterwegs bin, gehe ich besonders vorsichtig vor und brauche vor Ort ein Netzwerk, das mich bei Einschätzungen unterstützt. Der Austausch mit Kolleg:innen ist mir sehr wichtig. Und es tut mir gut, das Erlebte aufzuschreiben und für mich zu sortieren.

Was war Dein bisher größter Flop im Job, und was hast Du daraus gelernt?

Ich habe mal wochenlang zum Wettlauf um Rohstoffe in Ecuador recherchiert, Tage am Rande einer Kupfermine verbracht und Indigene begleitet, die gegen das Abbauprojekt kämpften. Inhaltlich war das spannend und persönlich prägend. Schon währenddessen habe ich aber gemerkt, dass die Geschichte für mich allein zu groß war, um sie in all ihren Facetten zu recherchieren, und dass die Verbindung nach Deutschland schwer zu belegen war. Am Ende hat sich kaum eine Redaktion dafür interessiert. Mein Learning: Ich prüfe heute früher, ob eine Geschichte trägt, grenze das Thema enger ein und spreche mit Redaktionen, bevor ich losfahre. Daneben gibt es die kleinen Flops, die bei Auslandsrecherchen ständig passieren: Protagonist:innen und Kameraleute haben mir schon reihenweise in letzter Minute abgesagt. Dafür ergibt sich vor Ort oft etwas, das ich nie geplant hätte. Das zeigt mir, dass es meistens einen anderen Weg gibt. An meiner Gelassenheit arbeite ich trotzdem bis heute.

Tipps

Bastians Tipps für den Nachwuchs

Ich halte nichts von Checklisten zum Abarbeiten. Im Journalismus führen sehr viele Wege zum Ziel. Deshalb nur, was bei mir funktioniert hat: Probiert aus und folgt euren Interessen und Stärken. Baut euch früh ein Netzwerk auf und haltet den Kontakt. Dazu gehört, in den sozialen Medien von euch hören zu lassen und eure Geschichten und Recherchen zu zeigen. Ich beobachte, dass traditionelle Medien eher Auslandsbüros schließen als neue eröffnen. Eine starke eigene Marke macht unabhängiger von einzelnen Auftraggeber:innen.

Bastian Kaiser

… arbeitet als freier Journalist mit Schwerpunkt Lateinamerika.

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